Theater vom Richtplatz Aarburg

Spagat zwischen Mittelalter und Heute

In der jüngsten Produktion des «Theaters vom Richtplatz» prallen mittelalterliche und zeitgenössische Figuren aufeinander. An König Artus' Hof ist eine irrwitzige Komödie, deren Besuch es sich lohnt.

Das Stück «An König Artus Hof» sei ein irrsinniger Zeitsprung ins Mittelalter und basiere auf dem 1889 erschienenen Roman «Ein Yankee aus Connecticut an König Artus Hof» von Mark Twain, steht im Programmheft. Der Yankee findet sich darin nach einem Schlag auf den Deckel zurückversetzt in das Jahr 528, wo er am Hof des Königs Artus für allerhand Verwirrung sorgt. Soweit folgt das Theaterstück der Idee von Mark Twain. Sybille Heiniger, Autorin und Regisseurin in Personalunion, hat aus diesem Stoff in Mundart einen Spagat zwischen mittelalterlichem, absurdem Aberglauben und neuzeitlichen Verhaltensmustern gemacht, und zwar mit allen Mitteln der Theaterkunst. «Ein Theater machen» bedeutet in der Umgangssprache, auf einen Vorfall überspitzt zu reagieren. Dies geschieht auf dem ehemaligen Richtplatz der Festung Aarburg am laufenden Band und dies mit einer unglaublichen Präzision im szenischen Ablauf und bis zum Rand gefüllt mit witzigen Dialogen und Einfällen. Das Publikum kann sich kaum erholen vom Lachen.

Aberglaube und Zauber im Spiel

Die Premiere am Freitagabend war von Wetterglück begleitet. Der Zauberer Merlin, Berater von König Artus, hätte darin ein gutes Omen für die weiteren Aufführungen gesehen, aber die Wetterprognose sah nächtliche Gewitter voraus und dazu kam es auch. Auf dem Richtplatz war es noch taghell, als Joe und Patty, zeitreisend aus Connecticut kommend, an einem Seil vor König Artus geschleppt wurden. Die beiden wurden ergriffen, weil ihre Kleidung und Manieren so gar nicht in die Normalität des Königreichs passten. Man wollte sehen, was dahinter steckt und zog die beiden aus. Als sie in den Unterhosen dastanden, war das Entsetzen gross, so etwas war abwegig, Joe und Patty schienen Monster zu sein, die zu beseitigen waren. Das Todesurteil stand fest, nur über die Art des Vollzugs am 21. Juni war man sich nicht einig: Vierteilen oder Köpfen, war die Frage. Zauberer Merlin schlug den Scheiterhaufen vor, weil die Hinrichtung am Tag des Feuers stattfinde. Joe fand, etwas stimmt hier nicht, Patty wusste einen Ausweg in dieser von Mythen und Aberglauben beherrschten Situation. Am 21. Juni sei eine Sonnenfinsternis fällig, die Hinrichtung könne dank der Angst des Gerichts vor Zauber verhindert werden. Als der Scheiterhaufen angehäuft wurde, gaben sich Patty und Joe als Magier zu erkennen, die das Sonnenlicht auslöschen können. Weil dies tatsächlich eintraf, waren sie gerettet, Joe wurde zum Ritter und Berater des Königs ernannt.

Sagenhaftes und Reales im Konflikt

Die Inszenierung von «An Königs Artus Hof» glänzt durch ihre Fülle an Regieeinfällen. Genau zur richtigen Zeit setzen mittelalterliche Klangbilder und Fanfaren ein, choreografische Einlagen beleben das Stück, die Erzählerin Dinadan (Cornelia Fluri-Rihm) kommentiert das Geschehen und treibt die Handlung teilweise in gereimter Versform voran, eine hervorragende Besetzung dieser wichtigen Rolle. Immer wieder prallen die Redeweise und das abnormale Verhalten von Patty und Joe mit den Sitten und Regeln am mittelalterlichen Hof zusammen, eine Meisterleistung der Regie wie des Theaterteams. Es kommt zu Szenen mit Zaubertricks und Kampfhandlungen, aber auch solchen, die in Folterungen, Hunger und Unterwerfung die Schattenseiten des Mittelalters im Bann von Aberglauben Mythen und Zauber beleuchten. Hervorzuheben sind auch der Witz und die Treffsicherheit in den Dialogen. Die Spannung erreicht die Qualität eines Thrillers, gleichzeitig aber auch den Unterhaltungswert einer Komödie. Am Schluss möchte König Artus inkognito die Stimmung des Volkes erkunden, verweigert jedoch eine Verbeugung vor der Obrigkeit und wird verhaftet, Wilhelm Tell taucht in der Erinnerung auf. Am Ende versammeln sich die Mitwirkenden vor der Bühne. Patty und Joe erscheinen auf der überdachten Zuschauertribüne und befinden sich ebenso plötzlich wieder in der vertrauten Umgebung wie sie in die mittelalterliche hineingerutscht sind. Wer Hochkultur im Theaterspiel erleben will, sollte eine der nächsten Aufführungen nicht verpassen.


Quelle: Kurt Buchmüller, Zofinger Tagblatt vom 1. Juni 2015